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"Durch Überbetreuung fördert man die Bequemlichkeit..."
Interview mit Frieder Neunhoeffer
Fragen von Ruedi Haltiner, Chur
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Frieder Neunhoeffer, Beauftragter für Behindertenfragen im Kantonalen Sozialamt Graubünden, ist auf Ende November 1999 in Pension gegangen. In unzähligen Arbeitsgruppen - auch auf nationaler Ebene - hat er während seiner "Beamtenzeit" erfolgreich mitgewirkt. Als "Beamter" fühlte er sich allerdings nie. Nicht nur sein unkonventionelles Auftreten, auch seine Ideen und Visionen vermochten immer wieder Anregung zu geben. Im nachfolgenden Interview wird er nochmals auf persönliche Art zu einigen Themen aus dem Bereich "Behinderung" befragt.
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Galt deine Verpflichtung während der Arbeit im Sozialamt mehr dem Staat (Kanton) oder mehr den Behinderten?
Es war mein Bestreben beide Seiten zu vertreten; d.h. dem Staat aber auch den behinderten Personen gegenüber kritisch zu sein. In diesem Sinn war ich kein einseitiger Behinderten- aber auch kein strikter Staatsvertreter.
Das erzeugt ja Druck von beiden Seiten. Von welcher Seite her hast du mehr Widerstand gespürt?
Ich habe gelegentlich tatsächlich einen gewissen Unwillen mir gegenüber wahrgenommen. Allgemein tat ich mir etwas schwer mit der Hierarchie in der Verwaltung. Von Seiten der Behinderten spürte ich manchmal unausgesprochenen Widerstand. Man getraute sich aber nicht, mir etwas zu sagen, da man auf meine Unterstützung angewiesen war. Eher habe ich manchmal etwas hintenherum vernommen, vielleicht auch einmal direkt.
Es wird gelegentlich behauptet, den Behindertenorganisationen gehe es gut, den behinderten Menschen selbst aber schlecht. Teilst du diese Auffassung?
Überhaupt nicht. Ich bin der Auffassung, dass es weder den Organisationen besonders gut noch den Behinderten schlecht geht. Ich würde auch gar nicht so separieren. Es ist wie generell in der Bevölkerung: Manche (auch Behinderte!) haben das Gefühl, dass der Staat für sie sorgen muss. Unzufriedene verschaffen sich eben eher Gehör.
Gibt es eine bestimmte Gruppe von Behinderten, denen es wirklich schlecht geht?
Ich möchte mich hier nicht festlegen. Aber den Mehrfach- und Schwerstbehinderten geht es eher schlechter als den anderen. Das "Schlechtgehen" hat mit dem subjektiven Empfinden zu tun und weniger mit einer objektiven Tatsache. Das hängt z.T. auch von der Umgebung ab.
Du hast ja auch auf nationaler Ebene mitgearbeitet. Wo werden gute Wege beschritten, wo falsche? Wo ortest du Gefahren?
Einerseits ist auf gesetzgeberischer Ebene, z.B. beim Invalidenversicherungsgesetz (IVG), m.E. die richtige Richtung eingeschlagen worden. Andererseits wird in der Politik generell - und so auch in der Behindertenpolitik - vieles nur von den Finanzen her bestimmt. Ich finde das Argument der Nichtfinanzierbarkeit verheerend und destruktiv. Die Finanzen werden dann dazu benutzt, um eine Innovation zu Fall zu bringen. Minderheiten sind von finanziellen Kürzungen eher betroffen, weil da der Widerstand dagegen geringer ist.
Im Zusammenhang mit dem Projekt des Nationalen Finanzausgleichs (NFA) entstand aber bei den Behindertenorganisationen viel Widerstand. Wäre es für die Behinderten im Kanton Graubünden vorteilhaft, wenn die Finanzierung des bisherigen IV-Bereichs kantonalisiert würde?
Stützt man sich auf die Versprechen der Politiker ab, würde es wahrscheinlich keine grossen Änderungen geben. Aber im Gegensatz zu den Leistungen auf der Basis der Invalidengesetzgebung des Bundes wären die Kantonsbeiträge keine Versicherungsleistungen mehr. Es bestünde zwar ein gesetzlicher Anspruch darauf. Dies würde aber nur im Rahmen des jeweiligen Budgets gelten. Ich würde es fatal finden, wenn bei kollektiven Leistungen Bund und Kantone nicht mehr zusammenarbeiten würden. Aber der Kanton müsste tatsächlich auch heute in Finanzierungsfragen ein grösseres Gewicht haben, weil er näher am Geschehen ist.
Es wird gefordert, dass der Einzelne - auch der behinderte Mensch - mehr Selbstverantwortung übernehmen muss und nicht nur warten kann, bis der Staat ihm seine Probleme löst. Was hältst du davon?
Gemäss neuer Bundesverfassung müssen beispielsweise alle Menschen selbständigen Zugang zum öffentlichen Verkehr haben ohne dabei auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein: Alte, Gehbehinderte, Frauen mit Kinderwagen etc. Ich sehe dabei aber auch die Gefahr der Vereinsamung des Einzelnen. Wenn alle Hindernisse aus der Welt geschaffen werden müssen, und keiner mehr auf Unterstützung angewiesen ist, nimmt auch die Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft ab. Wollen wir das?
Aber das hiesse doch, die Hilfsbedürftigen als Mittel zum Zweck zu benutzen, damit die Gesellschaft mehr Zusammenhalt erhält?
Es braucht die Förderung der Solidarität vom Kindesalter an. Integration ist nicht damit gemacht, dass die Leute keine Hilfe mehr brauchen. Stärkere und Schwächere stehen gemeinsam in einer Wechselwirkung. Dies trägt dazu bei, dass auch Nichtbehinderte Solidarität lernen können.
Bedeutet dies, dass Selbstbestimmung und Selbständigkeit von Menschen mit Behinderung mit einem Verlust an Solidarität erkauft werden muss?
Ja, wenn möglichst alle Hindernisse aus dem Weg geschaffen werden sollen, die irgendwie behindern können. Die allgemeine Selbständigkeit müsste zwar möglichst gewährleistet werden. Aber es ist falsch, jeder Minderheit zu suggerieren, dass sie die gleichen Möglichkeiten wie die Mehrheit haben soll. Als Angehöriger einer Minderheit muss ich mich auch darauf einstellen und die Unterstützung der Allgemeinheit annehmen.
Wie sollten Selbsthilfeorganisationen ihre Aufgabe wahrnehmen?
Selbsthilfeorganisationen sollten ihre Mitglieder zu gegenseitiger Unterstützung befähigen, auch in moralischer Hinsicht und auch unter Einbezug von Nichtbehinderten.
Du hattest viel mit Selbsthilfeorganisationen zu tun. Wenn du als Gast bei einer solchen Bewegung dabei warst, welches waren deine Gefühle dabei?
Es waren oft gemischte Gefühle. Es gibt sehr kompetente Leute, aber auch solche, die nur die eigene Nase sehen. Man sollte einmal die Zufriedenheit in den Behindertenkreisen eruieren. Es artikulieren sich ja vor allem die Unzufriedenen und nicht die Zufriedenen, was ein falsches Bild ergibt. Bei Leuten mit einer geistigen Behinderung ist oft viel Zufriedenheit vorhanden.
Du vermutest, dass viele Behinderte mit ihrer Situation zufriedener sind, als man es von aussen einschätzt. Viele von ihnen sind aber eingebunden und abhängig von Institutionen. Was denkst du darüber?
Die Institutionen bemühen sich, die Privatheit durch eigenen Besitz (z.B. Mobiliar etc.), Ausgang, Zugang und Selbstbestimmung soweit wie möglich zu berücksichtigen. Die Gefahr liegt aber in der teilweisen Überbetreuung: Das Selbstwertgefühl der Behinderten kann vor allem über die Gewährung von Selbständigkeit gefördert werden.
Besteht hier nicht die Gefahr der Verwahrlosung?
Nein. Die Leute wachsen auch in ihrer Selbständigkeit, wenn man sie lässt. Durch Überbetreuung fördert man lediglich die Bequemlichkeit.
Wird durch die zunehmende Professionalisierung in den Institutionen die Distanz zwischen den betreuenden Personen und den behinderten Menschen nicht immer grösser?
Wenn das der Fall wäre, dann läuft es eindeutig falsch. Überbetreuung ist ein Zeichen von Qualitätsmangel. Qualität bezieht sich nämlich auf eine der Person und der Situation angemessene Betreuung. Tatsächlich besteht die Gefahr des Auseinanderklaffens. Die Person wir immer mehr zum Objekt, an dem die Effizienz gemessen wird. Gefordert sind die Personen und die Überprüfer der Qualität.
Unsere Organisationen und Institutionen sind alles Kinder unserer Vorstellungen. Kannst du dir auch einen ganz anderen Umgang mit behinderten Menschen vorstellen, welcher ein echter Fortschritt wäre?
Eine meiner Visionen betrifft einen individuelleren Umgang mit Behinderten im kleineren Kreis. Alle Menschen mit und ohne Behinderung lernen schon in der Schule in unterschiedlich gemischten Gruppen, wie mit dem Anderssein umgegangen werden kann. Mehr "Durchmischung" der verschiedensten Menschen bedeutet mehr Integration.